Fampridin SR – verbessert die Gehfähigkeit von MS-Patienten

Anwendung: Multiple Sklerose

famridinMit Fampridin kommt eine altbekannte, einfache Struktur demnächst auf den Arzneimittelmarkt, die nach neuesten Ergebnissen von zwei Phase III Studien die Gehfähigkeit MS-Erkrankter signifikant verbessern kann. Ein oftmals zunehmender Verlust an Mobilität ist ja ein Hauptmerkmal von MS. Für die Betroffenen gibt es neben der Physiotherapie bisher nur wenige therapeutische Möglichkeiten. Hinweisen zufolge könnte die Behandlung von MS-Patienten mit Fampridin deren visuelle Funktionen wie auch Kraftentfaltung, Gehfähigkeiten, Erschöpfungszustände und Ausdauer verbessern. Grundsätzlich handelt es sich bei Fampridin um einen oral verfügbaren Kaliumkanalblocker. Die selektive Blockade der Kaliumkanäle von Nervenzellen bewirkt eine Verlängerung der Aktionspotentiale. Fampridin ist somit ein neuronaler Kaliumkanalhemmer, der die elektrische Signalleitung in demyelinisierten Nervenbahnen verstärkt und dadurch die bei MS auftretenden Symptome wie Muskelschwäche verbessern soll. Bei MS-Patienten werden ja bekanntlich im Verlauf der Erkrankung die Myelinschichten um die Axone der Nervenzellen und damit die Leitfähigkeit von Aktionspotenzialen der Neurone zerstört. An den ungeschützten Stellen der Axone tritt vermehrt Kalium aus den freigelegten Kalium-Kanälen aus. Werden diese durch Fampridin blockiert, verstärkt dies die Reizweiterleitung und lindert somit die Muskelschwäche der Patienten. Die Hoffnung, dass dieser Effekt bei Patienten mit multipler Sklerose die Neuronen vorübergehend stabilisieren kann, ist nicht neu. Der Wirkstoff wurde bereits in kleineren Studien untersucht, doch die Cochrane Collaboration kam 2002 zu dem Schluss, eine günstige Wirkung auf die Lähmungserscheinungen sei nicht ausreichend belegt. Darauf hin wurde eine Phase-III-Studie initiert, an der 301 Patienten teilnahmen, die noch in der Lage waren, eine Gehstrecke von ca. 8 Meter (25 Fuß) innerhalb von 45 Sekunden zurückzulegen. Die Studie sollte untersuchen, ob die Therapie mit zweimal täglich 10 mg Fampridin die Zeit, welche die Patienten für diesen Fußweg benötigen, verkürzt werden konnte. Die Ergebnisse wurden vor kurzem veröffentlicht und es zeigte sich, dass bei 35 Prozent der Patienten dies tatsächlich der Fall war. Auf Placebo sprachen dagegen nur acht Prozent der Studienteilnehmer an. Bei den Respondern kam es zu einer Verbesserung der Gehgeschwindigkeit um 25 Prozent. Es gibt jedoch keine Möglichkeit prospektiv einzuschätzen, welcher Patient von der Behandlung profitieren wird – was auch für die Nebenwirkungen zutrifft. Zwar ist es dem Hersteller gelungen, die Verträglichkeit durch eine Retardformulierung zu verbessern, bei zwei Patienten kam es jedoch zu schweren Nebenwirkungen. Ein Patient erlitt eine schwere Angstattacke. Er war allerdings bereits zuvor wegen Angststörungen und Schlaflosigkeit mit Diazepam behandelt worden. Der andere Patient bekam einen fokalen Krampfanfall. Auslöser könnte eine Sepsis nach einer Lungenentzündung gewesen sein. Auch die Ergebnisse einer weiteren, noch nicht publizierten Studie, in der 240 Patienten über 21 Wochen mit Fampridin oder Placebo behandelt wurden sind hoffnungsvoll. In dieser Studie konnte ebenfalls eine deutliche Verbesserung der Gehfähigkeit bei 43 % der Teilnehmer gegenüber 9 % unter Placebo festgestellt werden. Aber auch während dieser Studie erlitt ein Patient einen Krampfanfall. Epileptische Anfälle gehören aber zu den plausiblen Nebenwirkungen eines Wirkstoffs, der das Aktionspotenzial stabilisiert, sodass eine Krampfneigung vermutlich zu den Kontraindikationen des Medikaments gehören würde. Zusammenfassend kann aus den bisherigen Studien somit gesagt werden, dass die Behandlung mit Fampridin ungeachtet der Verlaufsform der Krankheit oder der begleitenden Therapie mit Immunomodulatoren zu klinisch bedeutsamen Verbesserungen in der Gehfähigkeit bei einigen Multiple-Sklerose-Betroffenen führen kann. Ein besseres Verständnis des Behandlungsprofils und eine bessere Prognostizierbarkeit bzw. Identifizierbarkeit jener, die höchstwahrscheinlich positiv auf die Therapie reagieren, wäre für eine wirksame Einbindung in Behandlungsschemata der MS allerdings wünschenswert.

Hersteller: Acorda Therapeutics (US).

Quellen: http://www.wissenschaft-online.de/artikel/983133; http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?src=heft&id=63911;

http://phoenix.corporate-ir.net/phoenix.zhtml?c=194451&p=irol-newsArticle&ID=1012125&highlight=

Autor:

Ao. Univ.-Prof., Dr. rer. nat., Mag. pharm. Helmut Spreitzer

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  1. Bürger Bernd
  2. B. Ehlers
  3. ehaas
  4. Klaus Schweiger kschweig
  5. ehaas

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