Plattformen: Focus | News & Blog | Office | Advance | Academic

Retigabin – ein neues Antikonvulsivum

retigabin1Anwendung: Epilepsie

Man geht davon aus, dass etwa 5% aller Menschen zumindest einmal in ihrem Leben einen epileptischen Anfall erleben. Sollten jedoch wiederholt Anfälle auftreten, spricht man von der chronischen Anfallserkrankung oder Epilepsie, wovon etwa 1% der Bevölkerung betroffen ist. Damit stellt Epilepsie die häufigste chronische Krankheit des zentralen Nervensystems dar. Epileptische Anfälle werden durch eine plötzliche extreme Aktivitätssteigerung der Nervenzellen im Gehirn hervorgerufen. Dadurch kommt es zu einer vorübergehenden Funktionsstörung des Gehirns. Epilepsie stellt allerdings einen Oberbegriff von verschiedenen anfallsartig verlaufenden, chronisch rezidivierenden Krankheiten dar, die auf einer Übererregbarkeit zentraler Neurone und damit einer Erniedrigung der Krampfschwelle beruhen und mit abnormen motorischen Reaktionen und/oder Bewusstseinsstörungen bzw. Bewusstseinsverlust sowie teilweise auch verstärkten vegetativen Reaktionen einhergehen. Es ist zwar so, dass Epilepsien in jedem Alter auftreten können, in der Regel tritt allerdings die Erstmanifestation zu 50 % noch vor dem 10. Lebensjahr auf.
Zu den therapeutisch wichtigsten Möglichkeiten die Epilepsie symptomatisch zu behandeln, gehört neben der Beeinflussung spannungsabhängiger Natrium-Kanäle der Eingriff in das GABAerge System. Das heißt, der wichtigste Botenstoff im zentralen Nervensystem mit dämpfender Wirkung ist die gamma-Aminobuttersäure. Die GABA-Rezeptoren sind Rezeptoren an Nervenzellen, an denen dieser Neurotransmitter GABA binden und eine hemmende Wirkung auf die Nervenzellen entfalten kann. Der neue Wirkstoff Retigabin, strukturell ein Carbaminsäureester, ist in der Lage die GABA-Wirkung zu potenzieren und in höheren Dosen Natrium- und Calciumkanäle zu blockieren. Dies ist insofern bedeutsam, als bei der Entstehung von Absencen Calcium-Kanäle vom T-Typ eine wichtige Rolle spielen. Durch Blockade der Calcium-Kanäle wird die Ausbildung von niederschwelligen Spikes verhindert und so in der Folge auch die Entstehung von Spikes. Durch die Förderung der Inaktivierung der Natrium-Kanäle werden zwar nicht die Amplitude und Dauer des einzelnen Aktionspotentials beeinflusst, jedoch wird die Fähigkeit der Neurone, Salven hochfrequenter Aktionspotentiale abzugeben, verringert. Dieses Wirkprinzip ist daher bei einer hohen Entladungsfrequenz deutlich ausgeprägt. Retigabin hat vor allem jedoch einen überaus interessanten Einfluss auf die Kalium-Kanäle. Öffnen sie sich, wirken sie der Ausbildung von Aktionspotentialen entgegen, schließen sie sich, erleichtern sie die Bildung von Aktionspotentialen und führt im schlimmsten Fall zu epileptischen Anfällen. Retigabin ist somit eine neue antikonvulsive Substanz, die im Vergleich zu den derzeit in klinischem Gebrauch befindlichen Antikonvulsiva über einen neuartigen Wirkmechanismus verfügt. Retigabin bindet an neuronale KCNQ Kanäle und aktiviert diese durch Induktion einer ausgeprägten Verschiebung ihrer Spannungsabhängigkeit der Aktivierungskurve in hyperpolarisierender Richtung. Die Bindungsstelle und der molekulare Wirkmechanismus waren bisher unbekannt, konnten aber in der Zwischenzeit aufgeklärt werden. Die Ergebnisse von Retigabin in der Phase III Studie RESTORE-2 waren jedenfalls sehr positiv. Retigabin ist als Begleitbehandlung für erwachsene Epilepsiepatienten mit refraktären fokalen Anfällen vorgesehen. In RESTORE 2 wurde eine tägliche Dosis von 600 bzw. 900 mg Retigabin im Vergleich zu Placebo bei Patienten unter stabilen Dosierungen von ein bis drei weiteren Antiepileptika geprüft. In der Studie konnte die Wirksamkeit von Retigabin sowohl in der 600- als auch in der 900-mg-Dosierung durch statistisch höchst signifikante Ergebnisse bei den primären Endpunkten nachgewiesen werden. Diese Ergebnisse bauen auf den positiven Erkenntnissen aus der RESTORE-1-Studie auf, in der eine Dosis von 1200 mg pro Tag verabreicht wurde und die Anfang des Jahres veröffentlicht wurde. Mit Abschluss dieser Phase-III-Studien wurde Retigabin nun an mehr als 1.750 Probanden getestet, darunter über 1.350 Epilepsiepatienten. Mehr als 350 dieser Patienten haben Retigabin über 12 Monate oder länger eingenommen, darunter einige, die Retigabin sogar über einen Zeitraum von sechs Jahren oder länger angewendet haben.
Hersteller: Valeant Pharmaceuticals International.
Quellen: http://www.emediaworld.com/press_release/release_detail.php?id=42142; http://www.epilepsy.com/newsfeeds/view/5392.

Autor:

Ao. Univ.-Prof., Dr. rer. nat., Mag. pharm. Helmut Spreitzer

Tags: , , , , , , , ,

3 Kommentare zu “Retigabin – ein neues Antikonvulsivum”

  1. Flege sagt:

    Sehr geehrter Herr Spreitzer,
    Ist Retigabin mit Carbamazepin verwandt? Wäre es denkbar bei einem Natrium-Kanal-Defekt, wie z. B. beim Dravet?
    Mit freundlichen Grüßen
    Dr. med. Silke Flege (Mutter eines Dravet-Kindes)

  2. ehaas sagt:

    Retigabin ist seit Juli 2011 als Trobalt® (50mg/100mg/200mg/300mg/400mg) im Handel.
    Die Kosten werden derzeit von den Krankenkassen nicht übernommen. Der Apothekenverkaufspreis liegt zwischen € 40.- und € 260.-

  3. [...] berichteten wir bei den zukunftsorientierten Arzneistoffen über Retigabin. Jetzt erfolgte die Zulassung durch die [...]

Artikel kommentieren