Botulinumtoxin (Botox®) – zur Behandlung bei chronischer Migräne
Botulinumtoxin A ist in den USA und Großbritannien bei chronischer Migräne (bei Patienten mit mehr als 14 Migräne-Kopfschmerz-Tagen im Monat) zugelassen. Erste Hinweise auf eine Besserung der Migränesymptomatik kamen schon vor 10 Jahren aus dem Bereich der Schönheitschirurgie.
Kurzinformation
Präparat Botox®
Wirkstoffgruppe Neurotoxin mit Wirkung auf die cholinerge Übertragung
Wirkmechanismus noch unbekannt
Indikation Blepharospasmus (Lidkrampf), hemifazialer Spasmus, Torticollis spasmodicus (Schiefhals), Hyperhidrosis axialis, Inkontinenz, Migräne,
Nebenwirkungen lokale Reaktionen, Doppelsehen, Glaukom, Korneadefekte, Ptosis, Muskelschwäche, erhöhter Muskeltonus,
Interaktionen Aminoglykosid-Antibiotika, Muskelrelaxantien, Chinidin, Magnesiumsufat, Cholinesterasehemmer;
Kontraindikationen Infektionen an den vorgesehenen Injektionsstellen;
Dosierung Injektionen mit 155 E. an 31 Stellen alle 12 Wochen;
Botulinumtoxin A (BTX A)
Botulinumtoxin A zählt zu den stärksten Neurotoxinen, ein Gift, das infolge von Lebensmittelvergiftungen schon vielen Menschen das Leben gekostet hat. Es handelt sich dabei um Eiweißstoffe, die ihre Wirkung an der neuromuskulären cholinergischen Synapse entfalten, wo die Exocytose von Acetylcholin gehemmt wird, was zu einer langandauernden Neuroparalyse führt. Weiters hemmt das Toxin die Freisetzung von Glutamat, Substanz P und CGRP (Calcitonin-Gen-Related-Peptid), die an neurogenen Entzündungen und an der Wahrnehmung von Schmerzen beteiligt sind.
Einsatz als Arzneimittel:
- Schielen
- Hemifazialer Spasmus
- Lidkrampf
- Torticollis spasmodicus
- Hyperhidrosis axialis
- Inkontinenz
- Migräne
Bisher konnte im Zentralnervensystem keine direkte Wirkung von Botox nachgewiesen werden. Es könnten jedoch die muskelentspannenden Effekte zur Schmerzlinderung bei Migräne führen, da bekanntlich die Migräne oft mit Nacken- bzw. Rückenschmerzen assoziiert ist.
Die Therapie der chronischen Migräne mit Botox ist wirksam und sicher. Ein Drittel der Patienten profitiert eindrucksvoll von der Behandlung, während ein weiters Drittel allerdings Non-Responder sind.
Migränebehandlung
- Analgetika
- ASS
- Paracetamol
- Ibuprofen
- Naproxen
- Antiemetika
- Metoclopramid
- Domperidon
- Mutterkornalkaloide (Hydergin®, DHE ratiopharm®, Dihydergot®, Ergont®, Ergovasan®, Synkapton®, Tonopan®)
- Triptane
- Sumatriptan (Imigran®)
- Zolmitriptan (Zomig®)
- Naratriptan (Antimigrin®, Naramig®, Formigran®)
- Rizatriptan (Rizatriptan®, Maxalt®)
- Almotriptan
- Eletriptan (Relpax®)
- Frovatriptan (Eumitan®, Frovamig®)
- Cyproheptadin (Periactin®)
- Lasmiditan (NN®)
- CGRP(Cacitonin gene-related-peptide)-Blocker
- Prophylaxe von Migräne
- Topiramat (Topamax®) Prophylaxe von Migräne
- Lacosamid (Vimpat®) wird in klinischen Studien zur Migräneprophylaxe getestet
- Botox
- Gabapentin (Neurontin®, Gabatal®) gegen neuropathischen Schmerz
- Pregabalin (Lyrica®) gegen neuropathischen Schmerz
Migräne
Unter Migräne versteht man anfallsweise auftretende, chronisch wiederkehrende Kopfschmerzen, die stunden- oder tagelang anhalten. Sie treten meist (aber nicht zwangsläufig) halbseitig auf und können mit oder ohne Aura einhergehen. Häufig sind Migräneattacken mit Brechreiz, Erbrechen, Lichtscheu, Flimmern vor den Augen, Sehstörungen und Geräuschempfindlichkeiten verbunden. Körperliche Tätigkeit verstärkt den Schmerz und die Arbeitsfähigkeit ist beeinträchtigt.
Der Migränekopfschmerz entsteht durch eine erhöhte Aktivität von Neuronen des Trigeminusnervs, hervorgerufen durch die Freisetzung von Vasoaktivem Intestinalem Polypeptid (VIP), Substanz P (SP), Calcitonin Gene-Related Peptide (CGRP) und Stickstoffmonoxid (NO) während einer Vasodilatation. In der Folge kommt es zu einer Stimulation der afferenten C-Fasern.
Eine weitere Ursache für das Schmerzgeschehen ist eine neurogene perivaskuläre Entzündung, die durch die Freisetzung von Entzündungsmediatoren ausgelöst wird.
Als auslösende Faktoren einer Migräneattacke werden Stress, Rotwein, Schokolade, bestimmte Käsearten, Alkohol, körperliche Belastung, Menstration (hormonelle Veränderung), Pilleneinnahme, grelles Licht, Reisen angenommen.
Quellen
Jasek, Wolfgang; Austria-Codex Fachinformation, 65. Aufl., Bd. 1-6, Österr. Apotheker-Verl., Wien, 2010/2011 (online).
Wurglics, M; Brennpunktseminar, Graz, Herbst 2011.
Diener HC, et al., Chronic migraine-classification, characteristics and treatment, Nat Rev Neurol. 2012 Feb 14;8(3):162-71.
Mutschler, E. et al., Arzneimittelwirkungen, 8., völlig neu bearb. u. erweit. Aufl., wiss. Verl. Ges. mbH, Stuttgart, 2001.
